Eine gesunde Beziehung macht dich nicht heil, sie macht dich sichtbar.
Ob du willst oder nicht.
Ich war immer ein Beziehungstyp. Glaubte ich zumindest lang.
Solang es Beziehungen waren, die auch meinen Kern bedienten. Im letzten Artikel schrieb ich bereits, dass eine gewisse emotionale Unverfügbarkeit auch bei mir Teil von etwas ganz Großem war. Etwas, was ich oft Liebe nannte und auch, wie viel Mühe und Schmerz der eigene Wandel kostet.
Nun geschieht ein Wandel nicht wirklich über Nacht, es bedarf viel innerer Arbeit, um diesen zu erzeugen und letztendlich Erfahrung, um ihn zu leben und zuweilen auch, um ihn zu (über)prüfen.
Irgendwann, nach langer lieblicher Abstinenz, getragen von dem Gefühl, wirklich happy mit mir und den (Wunsch-)Vorstellungen meines Zukunfts-Ichs, lernte ich eine Beziehung kennen, die meine ganze heile Welt auf den Kopf stellte.
Eine, die mich triggerte, in vielen Dingen herausforderte und zutiefst ehrlich war.
Woran ich diese Beziehung erkannte? Ich setzte mich zur Wehr.
Vielleicht schluckst du jetzt und denkst: „Was zur Hölle? Warum?“
Nun, Theorie und Praxis waren schon immer zwei verschiedene Parts. Rein theoretisch weiß so ziemlich jeder, wie ein Flugzeug fliegt. Heißt das, dass ich es deswegen kann? Nein.
Im Kopf sah es also wunderbar aus, die Theorie war also super. Die Praxis und deren Umsetzung verlief wunderbar und kam ziemlich schnell ins Straucheln. Nicht, weil hier etwas falsch lief, sondern WEIL nichts falsch lief.
Kein Alarm im Kopf. Kein Alarm im Bauch. Alles ruhig.
Zu ruhig?
So still.
Die Ruhe vor dem Sturm?
Ein Sturm, der zum Orkan werden könnte und vielleicht sogar als zornige und fauchende Wolke alles wegreißt, was ich krampfhaft wieder aufgebaut hatte?
Mein Kopf taumelte zwischen „Liebe, Liebe, Liebe“ und „Nee, das ist nicht richtig. Scheiße. Weg hier.“
In Momenten der Klarheit wusste ich um diesen Kampf. Ich nannte ihn liebevoll die Wolke. Sie beinhaltet jeden Struggle. Perimenopause. Teeniekinder. Geister der Familiendynamiken und verborgene Gefühle, die keinen Raum bekamen.
Ich sah sie, analysierte sie und war froh, den Kampf für mich entschieden zu haben. Meine Liebe war fühlbar. Präsent. Immer während getragen wie von einer Kuscheldecke.
Die Wolke zog weiter, mit dem unausgesprochenen Versprechen, bald wieder vorbeizuschauen.
So sei es und so war es.
Mit ihr kamen regelmäßig andere kleine Katastrophen, körperliche Symptome und jede Zelle, die auf Kampf gepolt war und dennoch keine Kraft hatte, auch nur ein Buttermesser zu halten.
In meinem Kopf war es viel, in meinem Körper noch mehr und so spürte ich die Liebe weniger. Sie blieb einzig ein Wissen im Geiste des Kampfes.
Irgendwann gewann dieses Gefühl. Ich gab nach. Wollte Ruhe im Kopf. Genug sein, weil es damit nur für mich reichen musste. Ich nenne es Vermeidung.
Ich trennte mich von der Beziehung, die niemals der Kampf war, sondern die warme Decke.
Es geschah leicht, schleichend und subtil.
Mein Kopf gab Ruhe und somit hatte er Zeit, nachzuhalten, zu analysieren und in Ruhe für sich zu sein.
Das Leben drehte weiter.
Das Leben gab Antworten auf Fragen, die ich niemals stellen wollte.
Ich musste in dieser Zeit den Menschen gehen lassen, der mir am meisten zeigte, was Liebe war und sein konnte.
Meinen Großvater.
Ich machte zudem die Erfahrung, dass meine Familie keine Sicherheit war, sondern dass ich jahrelang unter einer Verantwortung stand, die niemals meine sein durfte.
Ich trennte mich also schließlich auch von einem Familienmitglied, welches mich niemals in seinem Leben wollte.
Damit änderte sich auf einmal die Dynamik.
Während ein kindlicher Teil in mir endlich Schutz suchte und diesen bekam, öffnete sich gleichzeitig mein Blick.
Ich öffnete die Tür, welche ich in solchen Katastrophen tunlichst verschlossen hielt.
Ich ließ meine warme Decke das tun, was sie die ganze Zeit tun wollte.
Mich beschützen.
Mich halten und mir Trost geben.
Ich rebellierte nicht mehr.
Ich erkannte. Ich trieb und ich schwamm.
Neben mir die Decke.
Ich erkannte, dass ich nie lernte, wie sich Sicherheit anfühlen musste. Ich nahm sie als gegeben.
Ich erkannte, dass ich nur Kampf kannte. Ich nahm ihn als Preis der Sicherheit.
Ich musste Zuneigung erarbeiten. Manchmal hart, manchmal nie erfolgreich.
Ich hatte so sehr den Fokus darauf gelegt, dass mein Gefühl, mein Herzraum, nicht sicher war, wenn ich alles in mir zum Leuchten bringe.
Bis ich es tat und aus der Angst heraus mutig wurde, was die Liebe anging.
Ich glaube, genau hier liegt der Kern zwischen Theorie und Praxis. Zwischen Fliegen und Abstürzen. Zwischen dem, was wir wirklich leben.
Wir können jahrelang sinnieren, ausmalen und darüber sprechen, welche Beziehung uns guttun würde.
Wir lernen unsere Grenzen kennen, erkennen Bullshit kilometerweit, wir können Muster analysieren und uns vornehmen, es diesmal anders zu machen.
Bis jemand kommt, bei dem all das plötzlich nicht mehr nur Theorie ist.
Dann sitzt du da und musst loslaufen.
Mit deinem Wissen.
Mit deinen Mustern.
Mit deinem ganzen wunderbar aufgeräumten Zukunfts-Ich und stellst fest, dass dein Körper offenbar eine andere Bedienungsanweisung bekommen hat.
Weil Upgrade. Wie vom iPhone 4 zum 17er.
Ich hatte gelernt, mich zu schützen, hatte erkannt, was ich brauche und wie ich leben wollte.
Frei.
Unangepasst ans Narrativ und doch voller Liebe.
Was ich nicht gelernt hatte, war, mich sicher zu fühlen.
Sicher mit mir, ja! Sicher mit jemandem, der mein Herz hat? Das ist ein Unterschied.
Ein ziemlich großer sogar.
Ich hatte Freiheit mit Abstand verwechselt.
Stärke mit Alleinsein.
Unabhängigkeit mit dem Gefühl, niemanden zu brauchen.
Dabei wollte ich gebraucht werden. Ich wollte geliebt werden. Gehalten werden, zumindest ab und an.
Ich wollte, dass ich jemandes bewusste Entscheidung bin.
Vielleicht zum ersten Mal in meiner kleinen Welt.
Nur eben nicht so, dass ich mich selbst darin verlor.
Die Ironie daran ist fast schon traurig.
Ich hatte so lange Angst davor, mich in einer Beziehung zu verlieren, dass ich irgendwann beinahe die Fähigkeit verlor, mich in einer Beziehung überhaupt finden zu lassen.
Meine warme Decke war nie das Problem.
Ich hatte nur vergessen, dass eine Decke wärmen kann, ohne dich zuzudecken.
Dass jemand neben dir sein kann, ohne dich festzuhalten.
Dass Nähe nicht automatisch Enge bedeutet.
Dass Freiheit nicht immer bedeutet, alleine zu gehen.
Vielleicht bedeutet Freiheit manchmal auch, bleiben zu können, ohne sich selbst dafür verlassen zu müssen.
Ich musste das erst lernen und ich konnte es nicht, indem ich blieb, sondern in dem Moment, in dem ich gegangen war.
Das Leben hatte mich aus dieser Beziehung heraus nicht zurück zu mir geführt.
Es hatte mich erst einmal mitten durch mich hindurchgeschickt.
Einmal Schattental und zurück.
Durch Trauer. Dieses endlose Gefühl.
Durch Familie, ihre Bindungen und bittere Erkenntnisse.
Durch alte Verantwortungen und das Loslassen von Menschen, von denen ich dachte, ich müsste sie behalten, WEIL SIE TEIL VON JEMANDEM SIND.
Durch die Erkenntnis, dass nicht jede Verbindung, die uns seit unserer Kindheit begleitet, auch eine ist, die uns Sicherheit gibt. Manchmal war sie stets Gefahr, aber in bunten Farben.
Ich musste aufhören, Verantwortung für Dinge zu tragen, die niemals meine waren, und vielleicht war genau das der Moment, in dem mein inneres Gleichgewicht begann, sich zu verändern.
Mein kindlicher Teil bekam endlich das, wonach er so lange gesucht hatte.
Schutz.
Nicht durch Kampf, durch Kontrolle oder durch Weglaufen, sondern durch mich.
Weil ich für mich stand.
Ich war meine innere Essenz. Nackt, verwundet, aber klar und so, wie ich war.
Ich konnte die Tür wieder einen Spalt offen lassen. Ich stellte mich der Angst, mit Mut gepaart.
Und plötzlich war da wieder diese warme Decke.
Sie lag nicht über mir, sie lag neben mir. Griffbereit.
Ich musste sie nicht mehr wegschieben, aber auch nicht mehr festhalten.
Ich konnte schwimmen.
Treiben.
Atmen.
Ich war genug, für alles.
Sie blieb da.
Nicht als Rettungsring oder als Beweis dafür, dass ich es geschafft hatte.
Sie blieb einfach da, ohne Grund und ohne Erwartung.
Vielleicht ist das für mich heute eine der größten Erkenntnisse über Liebe:
Eine gesunde Beziehung wird dich nicht retten.
Sie wird dich nicht heilen.
Aber sie wird dir zeigen können, wer du bist.
So, dass man bleiben oder gehen kann, ohne sich zu verlieren.
Ich entscheide mich jeden Tag erneut fürs bleiben.
In liebe Annina ♥︎