Familie. Ein ziemlich großes Wort.

Da ist es wieder, dieses brennende und stechende Gefühl.
Dieser stille Schrei nach Geborgenheit, gesehen werden und wärmender Liebe.
Man könnte meinen, mit 45 lässt dieses Gefühl irgendwann nach.
Tut es nicht.
Es kommt nur seltener oder anders. Man erkennt es inzwischen schneller und kann es greifen.

Da sitzt man also, mitten im Erwachsenenleben, hat selber Kinder, Rechnungen, Termine und vermutlich genügend Lebenserfahrung für mindestens drei weitere Leben.
Plötzlich ist da wieder dieses kleine Ding in einem, das einfach nur wissen möchte:

Wo bist du?
Siehst du mich?
Bitte schütze mich.

Herrlich unpraktisch.
Es vermisst mütterliche Wärme und väterliche Sicherheit. Dinge, die da waren, aber vielleicht nicht so, wie ein Kind sie gebraucht hätte.
Man wird trotzdem groß. Irgendwie.
Durch Familie, durch andere Menschen, durch Frauen, die selbst ihre Geschichten hatten und trotzdem dafür sorgten, dass man irgendwann alleine zur Schule gehen, seine Schuhe binden und später sehr komplizierte Beziehungen führen kann.
Ich war Meisterin meines Faches. Es hat also funktioniert.
Ich bin groß, kämpfe rückwärts mit Hormonen und kann wunderbar erkennen, wenn ganz große Scheiße läuft.
Ich habe eigene Kinder und liebe auf meine Art. Nicht filmreif und nicht als Mutter des Jahres, aber ehrlich, tief und fürsorglich. Wahrscheinlich eine Mischung aus dem, was ich gelernt habe, und dem, was ich selbst vermisst habe.
Meinen Klienten würde ich heute sagen: Das Leben ist schon ein manchmal ziemlich nerviger, aber doch großartiger Lehrmeister. Zumindest dann, wenn man bereit ist, hinzuschauen.
Heute lebe ich in einem Haus der Generationen.
Was für manche wie ein Traum klingt, ist für mich oft ein unreguliertes Nervensystem.
Gewissermaßen wollte ich niemals hierher.
Das Leben sah das anders.
Also bin ich hier.
Ich habe mich arrangiert und die Dinge um mich herum schätzen und lieben gelernt.
Ich habe Erfahrungen gemacht, bin gewachsen und ungefähr eintausendundeinmal zerbrochen.
An Menschen.
An zwischenmenschlichen Beziehungen.
An Dingen, die ich nicht verstehen muss und bis heute nicht kann.
Und (!) an dieser merkwürdigen Schuld, die offenbar immer genau dann vorbeikommt, wenn man gerade denkt, man hätte verstanden, wie es läuft.

Heute hatte ich ein Gespräch mit dem Menschen, der mir eigentlich am nächsten steht, und da war sie wieder.
Diese Sehnsucht.
Nicht die große, dramatische Traurigkeit, sondern dieses leise Gefühl.
Man kann erwachsen und trotzdem manchmal innerlich fünf, sieben oder fünfzehn Jahre alt sein.
Dein Innerstes erinnert sich an prägende Alter.
Man kann Grenzen setzen, sich selbst schützen, sein Leben sortieren und gleichzeitig jemanden vermissen, der einem genau diese Dinge einmal hätte geben sollen.
Das eine schließt das andere nicht aus.
Man ist immer jemandes Kind.
Im Inneren und Äußeren, bis zum letzten Atemzug und darüber hinaus.

Manchmal bin ich die Frau, die alles im Griff hat und über den Dingen steht. Die sehr genau weiß, was sie will.
Ich bin die, die heute geht, wenn sie nicht gewollt ist und damit Brücken einreißt, die manche nicht verstehen.
Ich bin auch die, die traurig ist, weil Familie manchmal Schwere mit sich bringt.
Konstellationen, Dynamiken und Abneigungen innerhalb dieses Konstruktes tragen dazu bei, dass Entscheidungen fallen, wie sie fallen.
Auf beiden Seiten.

Familie.

Ein Wort.

Groß. Riesengroß.

Wichtig.

Ich erinnere mich an teils wunderschöne Zeiten.

Oma und Opa, Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel.

Nicht immer einfach, manchmal kompliziert, aber irgendwie immer diese kindliche Verbundenheit. Sogar Geborgenheit.

Ich mittendrin.

Heute schaue ich aus der Ferne und freue mich für die neu geborenen Leben.

Die Kinder, die jetzt selber Kinder haben.

Meldungen von Hochzeiten, Verlobungen.

Am meisten freue ich mich über Familien, die zusammenwuchsen und aus denen Liebe entspringt, obwohl vielleicht anderes Blut durch ihre Adern rauscht.

Annina ♥︎

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Eine gesunde Beziehung macht dich nicht heil, sie macht dich sichtbar.