- über Liebe transgenerationale Muster und der Frage, wem ich eigentlich Treu bin

Beziehung.
Be - zieh - ung.
Ist es möglicherweise, auch ein anderes Wort für:
„Wir ziehen Altes mit uns mit“?
Etwas, das wir kennen, mit dem wir aufwuchsen?
Aus heutiger Sicht für mich: Ja. In gewisser Weise trifft das zu.

In Gedanken schaue ich mir die Beziehungen in meiner Herkunftsfamilie an. Generationen vor mir.
Als wäre das Genogramm meiner Familie mit mir verschmolzen.
Ich spüre und fühle ihre Dynamiken. Mal schwer lastend und mal seicht.

Ich blättere in meinen Erinnerungen und Empfindungen, wie in einem alten, teils verstaubten Fotoalbum.
Schaue ich oberflächlich, sehe ich Zuneigung, Respekt, Dankbarkeit und eine Art von Zusammenhalt.
Liebe?
Auch.
Aber schwieriger als das, was Liebe sein sollte.
Blättere ich weiter und verweile länger auf den inneren Schwarz-Weiß-Aufnahmen, sehe ich ebenso Angst, Tränen, Verlust, Verrat, Einsamkeit, emotionale Distanz.
Missbrauch, Gewalt, Suizide, Schweigen, Dulden und Aushalten.
Strukturen von Beziehungen, welche oft der damaligen Zeit geschuldet waren.
Einer Zeit, die nicht leicht war.
Kriege, Nachkriegszeit, eine gewisse nationale Isolation. Entscheidungen aus Angst, vielleicht aus Überzeugung.

Nehme ich alles zusammen, das Gestern und das Heute, begegnete mir in meinen Beziehungen häufig etwas, das sich seltsam vertraut anfühlt.
Eine Art von Nähe, die ich schon kannte.
Eine Nähe, die vielleicht keine war, sondern Distanz im Mantel von Sehnsucht.
Rückzug, den ich schon erlebt habe und bis heute, selbst gern nutze.
Streit, Schweigen, Kontrolle, emotionale Distanz oder das ständige Gefühl, Liebe verdienen zu müssen.
Beziehungsmuster.

Dabei beginnt die Geschichte oft viel früher als mit dem Menschen, der gerade vor uns steht.
Wir lernen Beziehung, lange bevor wir unsere erste eigene Beziehung führen.
Wir beobachten, wie unsere Eltern miteinander umgehen, wie Liebe gezeigt oder verweigert wird, wer nachgibt, wer bleibt, wer geht und wer seine eigenen Bedürfnisse still zurückstellt, weil andere massiven Raum fordern.
Wir übernehmen dabei nicht nur Verhaltensweisen.
Wir übernehmen Vorstellungen davon, was Liebe ist, wie Nähe funktioniert und was wir innerhalb einer Beziehung aushalten müssen.
Diese Muster können über Generationen weitergetragen werden, und das nicht, weil unsere Vorfahren uns aus irgendeinem unsichtbaren Ahnenimpuls heraus dirigieren, sondern weil ungelebte Geschichten, Ängste, Überzeugungen und Loyalitäten Spuren hinterlassen.
Manchmal stehen wir dann als Erwachsene in einer Beziehung und reagieren auf etwas, das viel älter ist als der Mensch, der gerade vor uns steht.

Die entscheidende Frage lautet nicht immer:

Warum gerate ich immer wieder an solche Menschen?

Die ehrlichere Frage wäre:

Wem bin ich eigentlich treu, wenn ich eine Beziehung lebe, die mir längst nicht mehr guttut?

Oder:

Warum lehne ich es vehement ab, überhaupt jemanden in mein eigenes Leben zu lassen?

Ich erkannte meine Treue. Kürzlich.

Mich überraschte es dennoch, wie sehr ich auf dem falschen Dampfer war.
Vielleicht verbot ich mir einfache Verbindungen zu Menschen und Beziehungen, denn rückblickend hatte es keiner leicht.
Damit meine ich nicht die Männer oder Freunde, welche mein Leben begleiteten, sondern meine Ahnen, meine Herkunftsfamilie.
Es waren unendlich viele Kompromisse, Masken und Bilder, die aufrechterhalten wurden.
Ich selbst wurde groß mit einem Leitbild, das ein Mann mehr Wert hatte oder war als das, was er einem tatsächlich gab.
Ich lernte und erfuhr selbst, dass eine alleinerziehende Mutter weniger Stand hatte, denn Ehe oder Partnerschaft war alles.
Das eigene Glück hing vom Gesamtbild nach außen ab.

So lebte ich, so wuchs ich auf.

Dies ist keine Ode an die Opferhaltung. Sie ist eine Erkenntnis an die Größe, hinzuschauen, zu achten und zu respektieren, aber auch daran, dass ich ein anderes Leben als meine Generationen zuvor leben darf. Dass ich nicht ihrem Bild und Verständnis von Partnerschaft treu sein muss.

Ich darf selbst entscheiden, wie ich mein eigenes Spiegelbild sehen möchte.

Ich erlaube mir, Dinge nicht zu tolerieren und mich von Erwartungen, die nicht meine eigenen sind, zu distanzieren.

Ist das leicht? Nein, ich meine, es ist sogar schwerer, als dem eigentlichen Leitbild der Vergangenheit zu folgen.

Menschen, sogar die eigene Familie, sehen dich mit anderen Augen.
Vielleicht bin ich der Querulant geworden.
Möglicherweise die, die alles, was Generationen aufgebaut haben, mit Füßen tritt.
Die, die rebellisch demgegenübersteht, was unverhandelbar schien.
Die, die aufgrund ihrer eigenen Werte und Erkenntnisse das familiäre Weltbild zerstört.
Die, die ihre eigenen Grenzen setzt und damit bei anderen Reibung auslöst.

Ich darf lernen, was für mich „gesund“ bedeutet und das ist vielleicht der schwerste Weg dahin.

Denn mit einer Partnerschaft an deiner Seite, die all das mitbringt, was du niemals hattest oder vorgelebt bekamst, bricht deine kleine „hei(k)le“ Welt zusammen.
Sie fühlt sich manchmal falsch an.
Zu einfach.
Zu liebevoll, vielleicht sogar unaufgeregt.
Obwohl sie nichts davon ist.
Sie ist einfach gesund und l(i)ebenswert.
Sie ist das, was ich verdiene und mir erlauben darf.

Ich darf lernen, Stein für Stein neu aufzubauen, ohne das Fundament zu zerstören, das dennoch zu mir gehört.
Ich darf dafür sorgen, dass die alten inneren Fotografien strahlen dürfen, damit meine Kinder sie anschauen können und vielleicht das ein oder andere Mal lächeln, weil es die Erlaubnis ist, ihren Weg zu gehen.

In Liebe und Dankbarkeit

Annina ♥︎

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Sichtbarkeit hat nichts mit gesehen werden zu tun

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