ich bin, weil ich war.

Es gibt Dinge in meinem Leben, für die ich lange Zeit Antworten gesucht habe.

Warum bin ich so? Warum fühle ich so? Warum brauche ich so viel Ruhe? Warum spüre ich Menschen, Räume und Stimmungen manchmal, bevor überhaupt jemand etwas gesagt hat? Warum kann ich Nähe so sehr wollen und sie im nächsten Moment kaum aushalten? Warum vermisse ich Dinge, die ich habe? Warum bin ich so anstrengend in diesen Dingen?

Ich dachte, ich müsste vieles davon loswerden und zwar ganz dringend.
Meine Angst vor der Zukunft, die Wut auf alles und jeden, die Vorsicht echt zu sein, die starren Mauern, die großen und kleinen Rückzüge und all die Erfahrungen, die wehgetan haben.
Manchmal dachte ich aber auch, ich müsste dankbarer und nicht so empfindlich sein.

Heute, im Hier und im Jetzt, sehe ich das anders.

Ich bin nicht so geworden, weil mit mir etwas nicht stimmt oder weil ich eine besonders schwere Kindheit hatte.
Ich bin so geworden, weil ich gelebt habe und weil meine Menschen, ob Familie oder nicht, gelebt haben.
Weil sie und weil ich Erfahrungen gemacht haben, die uns geprägt haben. Jeden auf seine Weise.

Menschen sind gekommen und gegangen, wir haben geliebt und wurden enttäuscht, wir sind geblieben, obwohl wir längst hätten gehen müssen und wir sind gegangen, obwohl ein Teil von uns bleiben wollte.
Wir haben Dinge verloren.
Ich habe mich unter all dem selbst verloren und irgendwann wieder angefangen, nach mir zu suchen.

Ich würde heute keine einzige dieser Erfahrungen aus meinem Leben löschen wollen.

Früher schon.

Heute? Keine.

Nicht einmal die, über die ich lange dachte, ich müsste doch irgendwie und irgendwann mal darüber hinwegkommen.

Sie sind Fasern von mir. Sie gehören mir. Mir ganz allein. Sie tun manchmal noch weh, aber nicht mehr so, dass ich sie bekämpfen müsste. Es ist ein leiser Schmerz, der mich daran erinnert, dass auch sie ein Teil meiner Essenz sind und mir zeigt, wie weit ich gekommen bin.

Jeder Schmerz, jede Enttäuschung, jede Angst, jede Entscheidung, jeder Weg, jede Tür und jeder Mensch, der mir begegnet ist, hat etwas in mir hinterlassen. Nicht immer etwas Schönes, ohne Frage, aber etwas Echtes.

Ich würde also nichts davon rückgängig machen, auch weil ich wirklich glaube, dass Schmerz notwendig ist, damit ein Mensch wachsen kann.

Klingt vielleicht unsymphatisch, aber hey, dass ist meine ganz persönliche Wahrheit.

Nicht der Schmerz selbst macht uns stark, sondern das, was wir mit ihm tun können.
Was in uns entsteht, wenn wir beginnen hinzusehen, wenn wir uns erinnern, uns hinterfragen und uns erlauben, wütend zu sein.
Wenn wir eine Geschichte nicht einfach dort enden lassen, wo sie uns wehgetan hat.

Ich habe mich erinnert und hinterfragt.
Ich habe mich aufgeregt, in dieser Art, wie es der Geist manchmal tut, wenn er eine Geschichte weiterspinnt, obwohl sie schon längst zu Ende ist.
Ich war wütend.
Oh, wie ich noch manchmal wütend bin.
Ich habe verstanden, verworfen und wieder neu gedacht, immer und immer wieder.

Aus diesen Gedanken ist Bewusstsein entstanden und aus diesem Bewusstsein ein bisschen mehr Kraft.

Nicht diese laute, die beweisen muss, wie stark sie ist. Eine andere Kraft, die, die still geworden ist und weiß, dass sie nichts mehr beweisen muss.

Ich kenne meine Abgründe und meine Zweifel.
Ich kenne meine verdammt menschlichen Tage, an denen ich am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und die Welt draußen Welt sein lassen würde.
Ich kenne die Version von mir, die funktioniert, weniger fühlt, organisiert und durchzieht.
Ich kenne aber auch die Frau, die irgendwann gesagt hat: Jetzt reicht es.

Aus Liebe und Selbstachtung vor mir.

Ich habe aufgehört, mich dafür zu schämen, dass ich anders funktioniere als andere Menschen. Ich brauche keine lauten Räume, um mich lebendig zu fühlen, keine hundert Menschen um mich herum, keine ständige Erreichbarkeit und keine Rolle, in die ich mich hineinpressen muss, damit andere sich mit mir wohler fühlen.

Ich bin noch immer gerne allein. Nicht einsam, nicht depressiv. Nur mit mir. Das ist ein Unterschied.

Ich brauche meine Rückzugsorte, meine Stille, den Wald und das Meer. Diese Momente, in denen niemand etwas von mir will und ich wieder hören kann, was eigentlich in mir passiert.

Vielleicht ist genau daraus auch meine Arbeit entstanden.

Obwohl, ...

…stimmt nicht ganz.

Sie ist aus vielen dieser Fragen und einer ziemlich guten Netflix-Serie entstanden. Aus all diesen Geschichten und aus meinem eigenen Bedürfnis, hinter das Offensichtliche zu schauen.

Vielleicht kann ich heute so tief in die Geschichten anderer Menschen schauen, weil ich gelernt habe, meine eigene nicht mehr nur von der hellen Seite aus zu betrachten. Ich kann meine Geschichte anschauen, auch die Stellen, die nicht schön sind, die widersprüchlich sind und bei denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Ich muss sie nicht mehr hübsch machen, damit sie erträglich wird.

Das ist auch der Grund, warum ich so gern über meine eigenen Schatten schreibe.

Weil ich durch sie gelernt habe, meine eigene Kraft zu finden. Ich schreibe über sie, weil ich keine Angst mehr davor habe, sie anzusehen und ihnen einen Platz zu geben, damit sie eine Aufgabe bekommen.

Ich möchte keine Texte schreiben, in denen ich am Ende größer wirke, als ich mich auf dem Weg dorthin tatsächlich gefühlt habe. Ich möchte ebenso keine kleinen Texte schreiben, die meinen Lesern oder Klienten suggerieren: Oh, die ist durch. Die hat’s geschafft.
Alles erkannt. Alles gefühlt. Die ist genau richtig für mich.

Überraschung.

Wir sind niemals fertig.

Ich möchte aus meiner Geschichte also keine Heldengeschichte machen und auch nicht aus einer Position über anderen Menschen schreiben und ihnen erklären, wie man stark wird.
Ich kenne all die Orte in einem selbst. Die Dunklen.
Das Nichtwissen, die Wut, die Angst, dieses Sich-selbst-nicht-wiedererkennen und diesen verdammten Zwischenraum zwischen „Ich kann nicht mehr“ und „Ich mache trotzdem weiter“.

Ich glaube auch nicht daran, dass wir unsere Vergangenheit „heilen“ müssen, um jemand „Neues“ zu werden. Wir sind schon.

Wir dürfen unsere Geschichte annehmen, anschauen und mitnehmen. Ich weiß, dass das vielleicht der schwerste Gedanke von allen ist und manche, die das lesen, werden denken: Geht’s noch?

Aber ja.

Ich glaube, dass wir dankbar sein dürfen.
Bitte versteht mich nicht falsch.
Nicht für Täter, nicht für das, was geschehen ist und nicht für Leid, sondern dafür, dass wir aus dem, was uns widerfahren ist, etwas entwickeln konnten, das uns hat überleben lassen und heute am Leben hält.

Eine Stärke, die uns nicht mehr so leicht bricht. Eine Klarheit, die wir vielleicht niemals gebraucht hätten, wenn wir nie hätten kämpfen müssen. Eine Stimme, die irgendwann lauter geworden ist und mit der ich heute vielleicht auch anderen eine Stimme geben oder ihnen dabei helfen kann, ihre eigene zu finden.

Wir nehmen unsere Geschichte mit. Nicht als schwere Last, sondern als Teil von uns.

Manches davon trägt man wie eine Narbe, manches wie eine Erinnerung und manches wie eine Fähigkeit, von der man gar nicht weiß, woher sie kommt.

Meine Sensibilität. Meine Intuition. Mein Gespür für Dynamiken. Meine Klarheit. Meine Art, Dinge zu hinterfragen. Mein Bedürfnis, hinter die Fassade zu schauen. Meine Wut. Meine Stimme.

All das bin ich.

Nicht trotz meiner Geschichte.

Wegen ihr.

Meine Vergangenheit ist kein Fremdkörper, den ich aus mir herausarbeiten muss.
Sie ist in mir, ein Teil meines Herzens, eine Faser neben der anderen.
Manche dunkel, durchzogen wie die Nacht.
Manche hell wie die Sonne. Manche rau wie die Stimme nach einer wild durchtanzten Nacht.
Manche weich wie das Moos unter deinen nackten Füßen.

Zusammen ergeben sie das Gewebe, aus dem ich gemacht bin.

Ich darf anerkennen, dass manches wehgetan hat und gleichzeitig sagen: Ich bin hier und ich bin daran gewachsen.

An den Gedanken, den Fragen, der Wut, den Entscheidungen, den Umwegen und an jedem verdammten Versuch, mich selbst wiederzufinden.

Das ist die Stärke, die ich meine.

Ich schaue heute auf mein Leben und empfinde etwas, das lange keinen Platz hatte: Dankbarkeit.

Für die Frau, die ich geworden bin.
Für jede Faser, für jeden ihrer Umwege, für jede Erkenntnis und für jeden Gedanken, der mich irgendwann stärker gemacht hat.
Für jedes Mal, an dem sie dachte, sie könne nicht mehr und es dann doch konnte.

Ich würde nichts löschen und nichts rückgängig machen, denn dann würde ich auch einen Teil von ihr löschen.

Ich mag diese Frau heute sehr. So wie sie ist.
Mit ihrer Geschichte, ihren geliebten Schatten, ihrer Stärke, der großen Klappe, ihrer heutigen Sensibilität, ihrem Bedürfnis nach Ruhe, ihrem wunderbaren Chaos, ihrer wilden Wut aus der stetig Kraft entsteht, ihrer Stimme, die nicht mehr leise ist und ihrer Klarheit.

Ich bin, weil ich war.

Ich bin ich dankbar für alles, was mich zu mir gemacht hat. Für die Frau, die ich geworden bin und auch für die, die ich unterwegs manchmal nicht verstanden habe.

Ich mag diese Frau heute sehr.

Wegen ihre Geschichte bin ich.

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Familie. Ein ziemlich großes Wort.